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Frank Hesse / Projekte / Wildkaninchen (2007)
Frank Hesse - Wildkaninchen
Dia-Installation mit zwei Projektoren und digitaler Steuereinheit. 10'40.

Flash-Dokumentation der Dia-Installation
[720x560, 10'40, 1,8 MB]  ...>


Die Diainstallation erzählt die Geschichte der Wildkaninchen der St. Petersinsel mit historischem Bildmaterial und den Fotografien, die von Dr. Charles Huber Mitte der 1970er Jahren im Rahmen der letzten wissenschaftlichen Dokumentation der Tiere aufgenommen wurden.

Bis Mitte der 1990er Jahre existierte auf der St. Petersinsel im Bielersee eine in der Schweiz einzigartige Population von Wildkaninchen, deren Ansiedlung auf den Philosophen Jean-Jacques Rousseau zurückgeht, der 1765 sechs Wochen auf der St. Peterinsel verbrachte. Von den Strapazen seiner jahrelangen Flucht ermüdet, schlägt er den Behörden vor, ihn für den Rest seines Lebens auf der Insel festzusetzen. Bevor sein Gesuch abgelehnt wird und er gezwungen ist, seine Flucht fortzusetzen, siedelt er auf der unbewohnten Nachbarinsel Kaninchen aus, die "sich hier ungestört vermehren konnten, ohne etwas fürchten zu müssen oder einen Schaden anzurichten", d.h. das Leben Rousseaus fortführen, das er sich an dieser Stelle vorgestellt hatte und nach seiner Flucht nicht mehr leben kann.
Frank Hesse - Wildkaninchen
Flash-Dokumentation
der Dia-Installation
[720x560, 10'40, 1,8 MB]  ...>
Text der Untertitel ...>
Untertitel

Jean-Jacques Rousseau verbringt 1765 sechs Wochen auf der St. Petersinsel im Bielersee, die er später als die glücklichsten seines Lebens bezeichnet. Er beschreibt die Zeit seines Aufenthalts ausführlich in seinen Bekenntnissen und in den Träumereien des einsamen Spaziergängers. Die Ufer des Bieler Sees sind wilder und romantischer als die des Genfer Sees, weil die Felsen und Wälder näher ans Wasser reichen; aber sie sind nicht minder anmutig... Dieses schöne, fast runde Becken schließt in seiner Mitte zwei kleine Inseln ein; die eine von ungefähr einer halben Meile Umfang ist bewohnt und bebaut; die andre ist klein, öde und liegt brach und wird einst zerstört sein, da man unaufhörlich Ladungen von Erde davon wegführt, um die durch Sturm und Wellen verursachte Beschädigungen an der großen Insel zu beheben. So wird der Besitz des Schwachen immer zum Nutzen des Mächtigen verwandt.
Seit seine Bücher 1762 in Paris verbrannt wurden, befindet sich Rousseau auf der Flucht. Zuletzt findet er in der damals preußischen Exklave Neuchâtel Aufnahme, bevor die Geistlichkeit die Bevölkerung gegen ihn aufwiegelt, und er mit Steinwürfen vertrieben wird. Angetan von der St. Petersinsel und ermüdet von den Strapazen der Flucht, schlägt er den Behörden vor, ihn für den Rest seines Lebens auf der Insel festzusetzen. Hier wähnt er sich sicher vor weiteren Übergriffen. Außerdem hofft er darauf, dass seine Verfolger damit zufrieden sein werden, dass er von der Insel aus kein weiteres Unheil anrichten kann. Während seines kurzen Aufenthalts genießt er das Inselleben in vollen Zügen. Er betreibt botanische Studien, betätigt sich im Garten und rudert auf dem See. Bevor sein Gesuch abgelehnt wird, und er gezwungen ist, seine Flucht fortzusetzen, siedelt er Kaninchen auf der kleineren Nachbarinsel an: ein geeigneter Ort für Kaninchen, die sich hier ungestört vermehren konnten, ohne etwas fürchten zu müssen oder einen Schaden anzurichten. In diesem Sinne treten sie nach Rousseaus Verbannung dessen Vermächtnis an.Mangels geeigneten Bodens bleibt dieser erste Ansiedlungsversuch jedoch erfolglos. Dies ändert sich, als die 1. Juragewässerkorrektion 1868–1878 weite sandige Strandflächen über den Wasserspiegel treten lässt. Auf der Strecke zwischen großer und kleiner Insel, die Rousseau so häufig in seinem Boot rudernd zurücklegte, erhebt sich nun ein schmaler Landstreifen, der so genannte Heidenweg, aus dem Wasser und verbindet die beiden Inseln und das Festland.
Die nächsten Aussetzungsversuche von Wildkaninchen durch Bieler Jäger in den 1880er Jahren führen zu einer dauerhaften Besiedlung. Die Tiere bilden in der Folge die einzige Population dieser sonst in der Schweiz nicht beheimateten Spezies. In den Jahren 1963–1973 soll eine weitere Gewässerkorrektion die bisher starken Schwankungen des Seespiegels eindämmen. Ungewollt verhindert diese Maßnahme die regelmäßigen Überflutungen der Kaninchenbaue.Der verbesserte Lebensraum ermöglicht darauf hin die weltweit höchste Kaninchendichte. Dr. Charles Huber, dem wir neben der letzten wissenschaftlichen Dokumentation der Tiere auch diese Aufnahmen verdanken, zählt Mitte der 1970er Jahre auf der Insel 1500 Exemplare. Zwanzig Jahre später werden die Kaninchen schließlich als eine solche Plage empfunden, dass man sich zur Aussetzung von Iltissen und Mardern entschließt, die die Wildkaninchen auf der St. Petersinsel in kurzer Zeit ausrotten.