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Frank Hesse / Projekte / Sammlung Brandenburg (2007)
Singsås, Norway (1986)

40 Silbergelatineabzüge auf Barytpapier, 30 x 40 cm 

Die Bilder einer Sammlung von einzelnen, mehr oder minder funktionstüchtig wirkenden Schuhen wirken auf den ersten Blick wie die Dokumentation des Inventars eines anthropologischen Museums. Das Material und die Machart der einzelnen Objekte scheinen Hinweise auf die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe zu geben, in denen die Schuhe entstanden sind. Tatsächlich entstanden die Schuhe in den Jahren 1986-2006 auf den Urlaubsreisen von Dr. Hildegund Brandenburg. Das Rohmaterial wurde von ihr vor Ort aufgefunden und nach dem Prinzip, sich auf möglichst wenig Komponenten und Hilfsmittel zu beschränken, zu den vorliegenden Objekten zusammengefügt.

In diesem Sinne scheint es lohnend, die Schuhe als eine Position im Umgang mit vorgefundenem Material genauer zu untersuchen. Am Anfang steht jeweils der Fund eines bestimmten Naturmaterials – wie z.B. Kork in Südfrankreich oder Birkenrinde in Norwegen – das sich aufgrund seiner Beschaffenheit zur Weiterverarbeitung zu einem Schuh anbietet. Dr. Brandenburgs Programm gibt vor, das Objekt möglichst ökonomisch herzustellen. Das heißt konkret, dass möglichst wenig Komponenten verwendet werden, dem Material seine Eigenständigkeit gelassen wird und als Werkzeug in der Regel nur ein Schweizer Taschenmesser benutzt wird. »Ich stelle mir vor, ich sei ein Höhlenweibchen mit nichts anderem als einem Schweizer Taschenmesser« (Dr. Hildegund Brandenburg). In dieser Beziehung stellt »Le Merlier, France (2006)« ein Ideal dar, da in ihm die Blätter einer Yucca-Palme komplett verarbeitet wurden und die harten Blattspitzen als Nadeln dienen, die die ganze Konstruktion zusammenhalten. Die Gestaltung der einzelnen Schuhe verweist auf ein ganzes Spektrum von Bezugspunkten, von profaner Strandmode bis zu magisch anmutender Ritualkleidung. Machart und Materialität stellen eine Konstante her und schaffen so eine formale Verbindung zwischen den einzelnen Modellen und damit auch zwischen dem Magischen und dem Profanen. Bestimmte Modelle werden frei zitiert (nie kopiert) wie beispielsweise der Flipflop (L‘Escalet, France (1998) A) oder die Adilette (L‘Escalet, France (1998) D). Diese eindeutig industriellen Vorbilder erfahren eine Übersetzung in archaisch anmutende Materialien und Verarbeitungstechniken. Andere sind ästhetisch völlig eigenständig, und erinnern uns nur auf Grund der ökonomischen Herstellungsweise an kunsthandwerkliche Produkte von Naturvölkern. Die Schuhe sind soweit und so präzise ausgearbeitet, dass sie die Idee von Schuh veranschaulichen, aber auch nicht mehr. Sie sind nicht tragbar, außerdem wird immer nur der rechte Schuh angefertigt. Der Witz, der sich durch die Spannung zwischen Zitat und Eigenständigkeit, Wiedererkennen und Abweichung ergibt, ist erst möglich durch die Ernsthaftigkeit, mit der die Schuhe angefertigt wurden.

Schon auf dieser Ebene kommt es zu einem Spannungsverhältnis zwischen dem Archaischen und dem Kultivierten, das dann bei den Fotografien noch verstärkt wird durch die Art der Abbildung: Die Aufnahmen geben die Schuheim Verhältnis 1:1 in der Aufsicht vor neutralem Hintergrund wieder. Diese Art der Darstellung nebst der Betitelung der einzelnen Abzüge verleiht ihnen die Aura einer kanonischen Sammlung und verbindet damit die Ästhetik des Privaten mit der des Öffentlichen.