Projekte
Termine
Downloads
Vita
Kontakt

English

Frank Hesse / Projekte / N-Strahlen (2006)
Frank Hesse - N-Strahlen

Audioinstallation;
Tönendes Objekt (Holz, Papier, Lautsprecher), Audioloop (7'30).
Sprecher: Benjamin Morik

Reproduktionen der Seiten 73–76 und 79 aus "Rayons »N« – Recueil des Communications faites a l'Academie des Sciences" von René Blondlot.
Nachleuchtfarbe, Fotokarton, Laserprints.

Aus einem in schwarzem Papier verpackten Quader erzählt eine Stimme vom Aufstieg und Fall der N-Strahlen-Forschung. René Blondlot, ein französischer Physiker, glaubt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Art von Strahlung gefunden zu haben. Nachdem er und seine Kollegen in der Folge diese Strahlung in allen denkbaren Materialien, Lebewesen und Zusammenhängen nachgewiesen haben, stellt sich heraus, dass sie Opfer ihrer eigenen Wahrnehmung geworden waren und es N-Strahlen nie gegeben hat.

Die Erzählung pendelt übergangslos zwischen Beschreibungen physikalischer Versuchsanordnungen und den Problemen subjektiver Wahrnehmung, die in gleicher Weise bei der Kunstbetrachtung Gültigkeit haben. Ob der Betrachter das quadrische Objekt zunächst in einen Kunst- oder einen naturhistorischen Kontext einordnet, hängt daher davon ab, an welcher Stelle er in die Erzählung einsteigt.

Nachdem die Fachwelt das Interesse an dem Phänomen verloren hatte, publizierte Blondlot die Schrift "Rayons »N« – Recueil des Communications faites a l'Academie des Sciences", in der er versuchte, seine Entdeckung zu rehabilitieren. In seinen Versuchen hatte Blondlot die N-Strahlung häufig mit Hilfe eines mit einer phosphoreszierenden Substanz überzogenen Kartons nachgewiesen. Seiner Publikation war ein solcher Karton beigelegt. Den wissenschaftlichen Kollegen und der interessierten Öffentlichkeit sollte damit die Möglichkeit gegeben werden, sich in eigenen Versuchen von der Existenz der Strahlung zu überzeugen. Die Blätter der Edition sind Reproduktionen der betreffenden Seiten der Publikation.

Frank Hesse - Installationsansicht »N-Strahlen«

Installationsansicht »N-Strahlen«, »Say it isn't so«, Weserburg Bremen, 2007

Frank Hesse - Écran phosphorescent

Écran phosphorescent. Pour observer les Rayons N.

N-Strahlen-Publikation

Publikation »N-Strahlen«
Download als PDF (3 MB) ...>

Eingesprochener Text ...>

Eingesprochener Text

[René Blondlot] gilt als führender Forscher auf dem Gebiet der Polarisation von Radiowellen und Röntgenstrahlen und ist zum Zeitpunkt seiner spektakulären Entdeckung Direktor des Fachbereichs Physik an der Universität Nancy. Sein internationales Ansehen gründet sich unter anderem auf die Entdeckung, dass Strom fast mit Lichtgeschwindigkeit durch den Draht fließt. Bei dem Experiment, das seiner Entdeckung vorausgeht, untersucht er, ob Röntgenstrahlen aus Wellen oder einem Strom von Partikeln bestehen. Dazu sendet er mit einer Kathodenstrahlröhre Röntgenstrahlen in ein elektrisch geladenes Feld und stellt einen Detektor neben die Bahn, die die Röntgenstrahlen nehmen. Falls es sich um Wellen handelt, würde das elektrische Feld die Strahlen polarisieren, das heißt, ihre Bahn würde sich verändern und der Detektor dieses anzeigen. Tatsächlich entsteht im Detektor ein heller elektrischer Funke und damit hat Blondlot den Beweis erbracht, dass es sich bei Röntgenstrahlen um Wellen handelt.
In einem neuen Versuch schickt er Röntgenstrahlen durch ein Quarzprisma, obwohl eigentlich bekannt ist, dass Röntgenstrahlen durch Quarzprismen nicht abgelenkt werden. Doch als die Strahlen auf das Prisma treffen, sieht Blondlot aus dem Augenwinkel, dass der Funke im Detektor heller wird. Da er weiß, dass die Röntgenstrahlen nicht die Ursache dafür sein können, musste es eine andere, bisher unbekannte Art von Strahlung sein. Blondlot nennt die neuen Strahlen nach seiner geliebten Stadt Nancy "N-Strahlen" und präsentiert der Fachwelt seine Entdeckung in dem Artikel "Sur des nouvelles sources de radiations", der am 23. März 1903 in den Schriften der Französischen Akademie der Wissenschaften erscheint. Nachdem er erkannt hatte, dass die neue Strahlung ein elektrisches Fünkchen heller leuchten lässt, setzt er nun diesen Effekt zur deren Nachweis ein. Mit dieser Versuchsanordnung entdeckt er, dass nicht nur Kathodenstrahlröhren N-Strahlen erzeugen, sondern ganz allgemein sämtliche Licht- und Wärmequellen als Quelle von N-Strahlen angesehen werden können. Er kann beweisen, dass dies auch auf die Sonne zutrifft. Ende 1903 entdeckt er, dass bestimmte Körper – wie Quarz, Flußspat, Baryt, Glas, die meisten Metalle, sowie auch Kieselsteine, Kalksteine und Ziegel – N-Strahlen speichern können. Er schlägt einen Ziegelstein in schwarzes Papier ein und legt diesen dann auf die Straße, um ihn von der Sonne bescheinen zu lassen. Im Labor kann er dann nachweisen, dass dieser Körper N-Strahlen speichern und abgeben kann, obwohl er in das Papier eingewickelt ist. Der ursprüngliche Effekt lässt sich wesentlich verstärken, wenn man eine Anzahl von solchen Körpern hintereinander stellt, da so das erste Objekt auf das zweite einwirkt, das zweite auf das dritte und so weiter und so die Wirkung von Objekt zu Objekt verstärkt wird.
Blondlots Entdeckungen folgen in immer kürzeren Abständen aufeinander und werden von Physikern im ganzen Land bestätigt und ausgebaut. Mit dem Nachweis, dass Salzwasser ebenfalls Speicherkapazität besitzt, wird klar, dass der gesamte Planet eine gigantische Quelle darstellt. Gase, Energiefelder und Chemikalien werden als Quellen entdeckt. Die französische Forschung intensiviert ihre Anstrengungen zur Erforschung des Phänomens. Zwischen 1903 und 1906 wird es von hundert Wissenschaftlern und Ärzten in etwa 300 Aufsätzen analysiert. Charpentier, ein Kollege Blondlots an der Universität Nancy, entdeckt, dass die Wirkung auch vom Nervensystem des Menschen ausgeht und stärker wird, wenn jemand spricht oder intellektuelle Anstrengungen unternimmt. Blondlot registriert bei seinen Experimenten Irritationen, wenn jemand den Raum betritt. Er notiert außerdem, dass laute Geräusche den Effekt mindern. Betrachter haben sich daher immer ruhig zu verhalten. Bei Untersuchungen zu den Auswirkungen auf die menschlichen Sinne stellt sich heraus, dass Augen, Ohren, Zunge und Nase weitaus empfindsamer werden, wenn sie entsprechendem Material ausgesetzt werden und dass das menschliche Sehen und Hören, der Geschmack und der Geruch dadurch geschärft werden.
Allerdings mehren sich in dieser Zeit auch die kritischen Stimmen. Die Fachzeitschrift "Nature" erhält im Jahr 1904 von Monat zu Monat mehr Briefe und Artikel, in denen sich Wissenschaftler darüber beklagen, dass es ihnen trotz größter Anstrengungen nicht gelingen möchte, die Ergebnisse zu reproduzieren. Manche können nur konstatieren, dass hier ein Phänomen entdeckt wurde, das manche Menschen erkennen können und andere nicht. Andere deuten in ihrem Ärger sogar Zweifel an der Entdeckung an.
Blondlot muss seinen Kollegen daher immer wieder die möglichen Gründe für ihr Scheitern deutlich machen. Das Problem ist, dass ihre Augen oft nicht das nötige Empfindungsvermögen haben, um das Phänomen beobachten zu können oder nicht an die Situation gewöhnt sind. Die Wirkung ist auch keinesfalls immer sofort zu sehen. Manchmal dauert es ein paar Minuten, bevor das menschliche Auge sie erkennen kann. Außerdem gibt er den Hinweis, nie direkt in die Quelle zu sehen. Man soll sozusagen in die Quelle sehen, ohne hinzuschauen, dabei eher ein wenig zur Seite blicken und aus den Augenwinkeln beobachten, was geschieht. Für einige liegt das Phänomen im Grenzbereich ihrer Wahrnehmungsfähigkeit, und sie können es erst nach einiger Übung leicht und mit Gewissheit ausmachen. Daher fordert er sie immer wieder dazu auf, in ihren Beobachtungen bis an die Grenze ihrer visuellen Wahrnehmung zu gehen. Als sich die Fronten weiter verhärten, behaupten einige Wortführer, dass nur romanische Rassen über die intellektuelle und sinnliche Feinfühligkeit verfügten, die nötig sei, um die Existenz der Strahlung wahrzunehmen, da die angelsächsischen Wahrnehmungskräfte von dem ständigen Nebel getrübt und die germanischen durch den dauerhaften Biergenuss abgestumpft seien.
In Frankreich verstummen alle Zweifel, als Blondlot am 26. August 1904 ein Schreiben der Akademie der Wissenschaften erhält. Er soll den Lecomte-Preis erhalten, der mit fünfzigtausend Franc dotiert war und ihn als bedeutendsten Physiker des Landes auszeichnet. Nur der seit drei Jahren verliehene Nobelpreis für Physik kann diese Auszeichnung noch übertreffen und es scheint, dass, nachdem er bislang jedes Mal an Wissenschaftler gegangen war, die Strahlen entdeckt hatten, nun Blondlot an der Reihe ist.
Nach und nach wird bekannt, dass die meisten ausländischen Wissenschaftler beim Versuch, Blondlots Experimente zu wiederholen, gescheitert sind. Daher besucht am 21. September 1904 der amerikanische Physiker Robert. W. Wood im Auftrag der englischen Fachzeitschrift "Nature" das Labor Blondlots, um dessen Experimente zu beobachten. Nachdem eine Reihe von Versuchen ihn nicht überzeugen können, lässt er beim entscheidenden Experiment, bei dem N-Strahlen beim Durchlauf durch ein Aluminium-Prisma in verschiedene Wellenlängen aufgespalten werden sollen, in der Dunkelheit des Labors heimlich das Prisma verschwinden. Und obwohl der Besucher den entscheidenden Bestandteil des Apparats in seiner Hand hält, kann Blondlot auch bei diesem Versuch wieder deutlich die Spektrallinien erkennen und exakt ausmessen. Nachdem Wood das Ergebnis seines Besuchs in der nächsten Ausgabe von "Nature" publiziert hatte, verliert die Fachwelt schnell das Interesse an dem Thema. René Blondlot erhält darauf hin den Lecomte-Preis nicht für die Entdeckung der N-Strahlen, sondern für sein Lebenswerk.