Projekte
Termine
Downloads
Vita
Kontakt

Frank Hesse / Projekte / Germania (2008)
Frank Hesse - Germania

Video, 8:30 Minuten.
Musikbearbeitung: Uwe Schenk

Die Bilder des Videos sind dem Film "G.I. Blues" (USA, 1960) entnommen. In der betreffenden Szene fahren der G.I. Tulsa McLean (Elvis Presley) und die Nachtklubsängerin Lili (Juliet Prowse) mit der Kabinenseilbahn von Rüdesheim am Rhein zu dem oberhalb der Stadt gelegenen Niederwalddenkmal.

Die Winzerstadt Rüdesheim gehört, gemessen an der Anzahl ausländischer Besucher, zu den größten Touristen-Attraktionen Deutschlands. Das Denkmal stellt ihre größte Sehenswürdigkeit dar und wurde allein in den letzten 50 Jahren von über 20 Millionen Menschen besucht. Die meisten schätzen den Ort als einen ausgezeichneten Aussichtspunkt auf das pittoreske Rheintal. Den wenigsten ist die Geschichte bewusst, die sich in dem martialisch wirkenden Monument mehr oder weniger deutlich manifestiert. Die Umgebung hat dabei die Funktion einer Kulisse, ähnlich wie bei dem Ausschnitt von »G.I. Blues«, bei dem der Hintergrund der Protagonisten deutlich als Rückprojektion und damit als eine Inszenierung zu erkennen ist, die sich auf einer anderen Ebene vollzieht.

In dem Film singen Tulsa und Lili während der Fahrt zum Niederwalddenkmal gemeinsam den Elvis-Song »Pocket Full Of Rainbows« und kommen sich dabei näher. Die Untertitel des Videos scheinen zunächst, wenigstens teilweise, die Gespräche der Protagonisten zu übersetzen, allerdings wendet sich der Text schon nach kurzer Zeit der – an Verfehlungen reichen – Geschichte des Niederwalddenkmals zu. Das Denkmal selbst ist im Video nicht zu sehen, Elvis Gesang nicht zu hören. Mit der Zeit verlangsamen sich die Bewegungen im Video immer mehr und schaffen so eine immer größer werdende Kluft zwischen den Bildern und der Geschichte, die in den Untertiteln erzählt wird, bis zu dem Punkt, an dem sich die beiden Hauptdarsteller küssen, während in den Untertiteln eine Hinrichtung behandelt wird.

Anfangs erscheinen Bilder, Untertitel und Musik deckungsgleich; sie erzählen ein und dieselbe Geschichte. Es ist der Original-Score von Fred Wise und Ben Weisman zu hören: Jubilierende Geigen versetzen den Zuschauer in eine heile Welt. Nach und nach spaltet sich die Toneben ab und beginnt – zuerst fast unmerklich – ein Eigenleben zu entwickeln. Zu Elvis' Mundbewegungen ist ein Score zu hören, der aus instrumentalen Teilen der Originalmusik zusammengeschnitten ist. Als vokales Element bleibt einzig ein kleines einprägsames Melodiefragment aus dem Gesangspart von Elvis' Duettpartnerin übrig, welches Bilder und Musik auch im weiteren Verlauf auf eine unreal wirkende Art miteinander verknüpfen wird.

Im Folgenden werden zwei Elemente der Geschichte auf der Musikebene behandelt: Zum einen die wiederholt scheiternden Versuche einer Anarchistengruppe, bei der Einweihungsfeier ein Sprengstoffattentat zu verüben. In der musikalischen Umsetzung spaltet sich hierzu ein kleines orchestrales Fragment aus dem Originalscore ab, wird geloopt und immer stärker verfremdet.
Die »Heile Welt«- Musik mutiert hier zum subversiven Element, welches fortan analog zum Text der Untertitel immer wieder als Anarchisten-Motiv auftaucht, um dann wieder gleichsam im "Untergrund" zu verschwinden.

Das zweite musikalische Thema ist »Die Wacht am Rhein«. Das Lied steht als Symbol der kaiserlichen Autorität und deutschen Machtanspruchs und ist unter dem Fries des Denkmals eingemeißelt. Das in einem sehr tiefen Klavier-Register eingespielte Lied ist stark verlangsamt, rhythmisch auf Viertel-Noten reduziert und dadurch nicht sofort erkennbar. Durch die rhythmische Reduktion und die Wahl des Registers bekommt das Motiv einen unverrückbar zementierten, unterschwellig agressiven, bedrohlichen Aspekt. Die Untertitel enden mit der Hinrichtung der Anarchisten, damit verschwindet auch deren Motiv aus der Musikebene. Das Video endet mit einem Kuss zwischen Elvis und seiner Filmpartnerin, während die letzte Wiederholung der »Wacht am Rhein« zu hören ist.

Text der Untertitel ...>
Untertitel

Der Bau des Niederwalddenkmals markiert den Beginn des modernen Tourismus in Deutschland. Der Gipfel des Niederwaldes befindet sich 300 Meter über dem Meerspiegel, 225 Meter über dem Fluss. Wie Elvis Presley und Juliet Prowse im Film »G.I. Blues« nutzten in den letzten 50 Jahren über 20 Millionen Besucher die Seilbahn, um von Rüdesheim am Rhein zum Denkmal zu gelangen. Die Touristen bewegen sich in ähnlicher Weise vor der Kulisse des Rheintals wie die Schauspieler vor ihrer Rückprojektion. Vorher produzierte und gespeicherte Bilder weisen ihnen dabei ihre Rollen zu. Die 12,5 m hohe Figur der Germania bildet das zentrale Motiv des Denkmals. Sie steht vor einem mit Adlerköpfen und -krallen verzierten Thron, in der erhobenen rechten Hand befindet sich die mit einem Lorbeerkranz umwundene deutsche Kaiserkrone, in der linken ein gesenktes Schwert, auf ihrem Kopf ein Eichenkranz. Ihr Blick geht in Richtung Frankreich und versinnbildlicht die »Wacht am Rhein«. Das gleichnamige Lied ist auf dem 25 m hohen Sockel eingemeißelt. Es ruft die Deutschen dazu auf, die Grenze zu Frankreich zu sichern und hat im Kaiserreich von 1871 den Status einer Nationalhymne. Auch andere Elemente des Monuments scheinen sich auf unheimliche Weise auf die tragischen Ereignisse bei dessen Einweihungsfeierlichkeiten zu beziehen. Die im Sockelrelief in Lebensgröße abgebildeten Personen – in der Mitte Kaiser Wilhelm I. zu Pferde, neben ihm Fürst Bismarck, sowie die Bundesfürsten und Regenten der freien Reichsstädte und Soldaten aller Truppengattungen – sind bei der offiziellen Einweihung am 28.9.1883 auch persönlich anwesend. Ihnen droht zu diesem Zeitpunkt allerdings weniger Gefahr von der anderen Seite des Rheins, sondern vielmehr von Akteuren jenseits ihrer Klassengrenzen. Ein Kreis deutscher Anarchisten rund um August Reinsdorf plant ein Sprengstoffattentat auf den Kaiser und die ihn begleitende gesamte deutsche Fürstenschaft während der offiziellen Eröffnungsfeierlichkeiten. Reinsdorfs Plan, das Dynamit unter dem Denkmal anzubringen, kann jedoch nicht ausgeführt werden, da am Vorabend der Feier noch an dessen Sockel gearbeitet wird. So deponieren die Genossen Reinhold Rupsch und Emil Küchler – August Reinsdorf liegt mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus – den Sprengsatz in Drainageröhren, über die der Festzug fahren soll. Als sich der Zug am nächsten Tag dann dem Dynamitpaket nähert, gelingt es ihnen allerdings nicht, die Zündschnur anzustecken, und die Festgesellschaft erreicht unbeschadet das Denkmal. Die Eröffnungsrede des Kaisers wird durch ein Missverständnis vorzeitig beendet. Eine Haubitze schießt vorzeitig Salut, worauf die Rheinschiffe im Tal ebenfalls Salut feuern und "Die Wacht am Rhein" spielen. Die Rede geht im Lärm unter und wurde ebenfalls rund um den Denkmalssockel verewigt. Auf der Rückfahrt des Zuges versuchen die Anarchisten erneut erfolglos, den Sprengsatz zu zünden. Das Attentat scheitert, da Küchler entgegen der Weisung Reindorfs als Lunte keine wasserdichte Bickfordsche Kautschukschnur, sondern eine geteerte Hanfschnur kauft, um 50 Pfennig zu sparen. Da es in der Nacht vor dem geplanten Attentat regnet, zündet die feuchte Lunte nicht. So überlebt der Kaiser den Anschlag, ohne ihn auch nur zu bemerken. Das Dynamitpaket wird schließlich am Abend von einem dritten Genossen namens Karl Bachmann gegen den Küchenanbau der provisorischen Festhalle geschleudert und richtet dabei geringen Sachschaden an. Monate später fallen die Anarchisten durch ihre Redseligkeit auf und werden verhaftet. August Reinsdorf, der Anführer der Truppe, bekennt sich vor Gericht zu seiner Verantwortung und zum Anarchismus: »Die Arbeiter bauen Paläste und wohnen in armseligen Hütten; sie erzeugen alles und erhalten die ganze Staatsmaschine, und doch wird für sie nichts getan; sie erzeugen alle Industrieprodukte, und doch haben sie wenig und schlecht zu essen; sie sind eine stets verachtete, rohe und abergläubische Masse voll Knechtsinns. Alles, was der Staat tut, hat allein die Tendenz, diese Verhältnisse ewig aufrecht zu erhalten. Die oberen Zehntausend sollen sich auf den Schultern der großen Masse erhalten. Soll dies wirklich ewig dauern? Ist eine Änderung nicht unsere Pflicht? Sollen wir ewig die Hände in den Schoß legen?« August Reinsdorf, Reinhold Rupsch und Emil Küchler werden zum Tode verurteilt, Karl Bachmann zu 10 Jahren Zuchthaus. Das Todesurteil gegen Reinhold Rupsch wird in eine lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt, August Reinsdorf und Emil Küchler werden am 7. Februar 1885 In Halle an der Saale hingerichtet.