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Frank Hesse / Projekte / Florenz – Von St.Croce zum Kunsthistorischen Institut (2006)
Frank Hesse - Florenz – Von St.Croce zum Kunsthistorischen Institut
Video, 11:50 Minuten.

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MPEG4, 12 min, 352 x 288 Pixel, 21,56 MB (Quicktime 6 oder höher)

Das Video ist eine Aufzeichnung des Weges zwischen der Basilica di Santa Croce und dem Kunsthistorischen Institut in Florenz. Über diesen Weg verbinden sich zwei Orte, die symbolisch für zwei oppositionelle Perspektiven der Bildbetrachtung stehen: die Basilica di Santa Croce für den eher leidenschaftlichen, das Kunsthistorischen Institut für den eher vermittelnden Zugang zur Kunst. Die Geschichte, die die Verbindung beider Orte herstellt, wird während des Spaziergangs in Untertiteln eingeblendet.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts besucht Stendhal, Schriftsteller und Prototyp des modernen Touristen, die Basilica di Santa Croce, die mit Kunstwerken am reichsten ausgestattete florentinische Kirche. Überwältigt von den Fresken erleidet er einen Zusammenbruch. In der Folge wird er so Namensgeber für das sogenannte Stendhal-Syndrom, das Graziella Magherini an der Universität Florenz seit den 1970er Jahren erforscht. Es bezeichnet »die krankhaften Auswirkungen, die Kunstwerke auf sensible Gemüter haben können«. Dafür untersucht sie über einen Zeitraum von zehn Jahren über hundert Fälle und findet heraus, dass es meist Alleinreisende zwischen 26 und 40 Jahren trifft, die sich ohne konkreten Plan und professionelle Führung dem Kunstgenuss aussetzen. Sie haben dann bleibende seelische Störungen, leiden unter Halluzinationen, Verfolgungswahn und Schuldgefühlen. Ende des 19. Jahrhunderts tritt der Hamburger Kunsthistoriker Aby Warburg in Florenz als Mitbegründer des Kunsthistorischen Instituts auf. Er erlangt später mit seinen Studien zur Renaissance Weltruhm und gilt als Begründer der modernen Kunstgeschichte. Das wissenschaftliche Vorgehen des lebenslang labilen, nach Ausgleich suchenden Warburg scheint Ausdruck seiner Furcht zu sein, von Bildern in der Weise des Stendhal-Syndroms aus dem Gleichgewicht geworfen zu werden.

Die Bilder des Videos sind bei Nacht aus der Hand aufgenommen worden. Die Unschärfen, bedingt durch den pumpenden Autofocus der Kamera, verweisen in gleicher Weise auf den fotografisch dilettierenden Touristen wie auf romantisch-pittoreske Malerei oder die filmische Inszenierung eines Nervenanfalls. Das Video ist so bearbeitet, dass immer weniger Bilder pro Zeiteinheit zu sehen sind. Nach einer Weile werden die Bewegungen des Videos kantiger; die Bilder erscheinen dann kurzzeitig stroboskopisch, danach stockend. Sie bleiben in der Folge immer länger stehen: das Video wandelt sich zum Diavortrag. Dabei wird mit zunehmender Dringlichkeit nach der Organisation des Sehens gefragt, nach der Bedeutung von Kategorien wie Ähnlichkeit und Unterscheidbarkeit, Nähe und Distanz, Ekstase und Erkenntnis.
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Text der Untertitel ...>
Untertitel

Die Basilica di Santa Croce stellt mit ihren vielen Grabmälern und zahlreichen bedeutenden Kunstwerken eine der eindrucksvollsten Sakralbauten von Florenz dar. Marie-Henri Beyle, der unter dem Pseudonym Stendhal bekannte französische Schriftsteller, verfasst mehrere Reisetagebücher und gilt daher als Prototyp des modernen Touristen. Er erleidet hier am 22. Januar 1817 einen Nervenzusammenbruch: »Volterranos 'Sybillen' haben mir vielleicht die heftigste Freude eingeflößt, die mir die Malerei je bereitet hat. Ich befand mich schon bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die Nähe der großen Männer, deren Gräber ich gesehen hatte, in einer Art Ekstase. Ich war in die Betrachtung edelster Schönheit versunken, die ich ganz dicht vor mir sah und gleichsam berühren konnte. Meine Erregung war an dem Punkt angelangt, wo sich die himmlischen Gefühle, die uns die Kunst einflößt, mit den menschlichen Leidenschaften vereinen. Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen;
in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen.« Er wird Namensgeber des sogenannten Stendhal-Syndroms, das Graziella Magherini als Leiterin der psychologischen Abteilung des größten Krankenhauses von Florenz seit den 1970er Jahren erforscht. Es bezeichnet »die krankhaften Auswirkungen, die Kunstwerke auf sensible Gemüter haben können«. Dafür untersucht sie in zehn Jahre über hundert Fälle und findet heraus, dass es meist Alleinreisende zwischen 26 und 40 Jahren trifft, die sich ohne konkreten Plan und professionelle Führung dem Kunstgenuss aussetzen. Sie haben dann bleibende seelischen Störungen, leiden unter Halluzinationen, Verfolgungswahn und Schuldgefühlen. Manche verspüren den Wunsch, die Bilder, die diesen Zustand hervorgerufen haben zu zerstören. Einem Gerücht zufolge werden in besagtem Krankenhaus ständig drei Betten für solche Fälle bereitgehalten. Das Ende des 19. Jahrhunderts wird von Zeitgenossen als das »nervöse Zeitalter« empfunden. Florenz steht an der Schwelle zur Moderne und gilt als die Metropole des Selbstmords. 1897 siedelt sich der Kunsthistoriker Aby Warburg, Mitbegründer des Kunsthistorischen Instituts, in Florenz an. Er erlangt später mit seinen Studien zur Renaissance Weltruhm und gilt als Begründer der modernen Kunstgeschichte. Sein Interesse gilt nicht mehr dem Stil von Kunstwerken, sondern deren Bedeutung vor dem Hintergrund eines bestimmten geistigen Gesamtkonzepts. Er arbeitet mit riesigen Mengen von Bildern aus unterschiedlichsten Quellen. Zwischen ihnen konstruiert er »verwandtschaftliche« Beziehungen und ordnet sie nach dem Prinzip der »guten Nachbarschaft«. Warburgs Verhältnis zu Bildern wird vor allem von Erkenntnisdrang bestimmt, und nicht etwa von Genuss oder gar Hingabe. Der allzu genießerische Umgang mit Kunstwerken ist ihm zuwider. Für ihn lauern im Schönen Gefahren. Er fürchtet, dass Emotionen, romantische Begeisterung, Ekstase den Betrachter in den Strudel des Irrationalen reißen könnten. Seine Zeitgenossen betrachten ihn selbst als Gefährdeten, der psychische Stabilität in seiner wissenschaftlichen Betätigung sucht. Er versteht seine Arbeit als einen Weg zu Aufklärung und Vernunft, als Überwindung »mittelalterlicher-östlicher Irrationalität« und»orientalischen Angstzuständen«. Warburg misst der Sprache dabei eine besondere Bedeutung zu: Sie vermöge es, die widerstreitenden Elemente zu beherrschen und im Gleichgewicht zu halten. Dies erfordere allerdings ein Erinnern und »diese Erinnerungssucht als Instincthandlung führt zum Institut.« Institut und Archiv bleiben ihm letzte Zufluchtsorte vor der Sorgenkralle, bevor er 1914 einen psychischen Zusammenbruch erleidet, von dem er sich zehn Jahre nicht mehr erholt.