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Frank Hesse / Projekte / Adonisgärtchen (2003)
Frank Hesse - Adonisgärtchen
Dia-Installation »Adonisgärtchen«,HfbK Hamburg, Februar 2003
Dia-Installation mit vier Projektoren und digitaler Steuereinheit. Loop, 37 Minuten.

Zwei Projektoren überblenden die Bilder, die beiden anderen den Text als Untertitel: Ein untertitelter Film ohne Originalton. Man hört die Lüftung der Projektoren und das charakteristische Klacken beim Transport der Karusselle.

Flash-Dokumentation der Dia-Installation "Adonisgärtchen"
[720x560, 40 min, 8 MB]  ...>


Die Arbeit beleuchtet verschiedene Interpretationen des antiken botanischen Phänomens der Adonisgärtchen, kleinen Keimgärtchen, die bei subversiven antiken Frauenkulten von Bedeutung waren und als Vorläufer heutiger Topfkulturen gelten. Sie bleibt unentschieden, etwa in welcher Weise die absterbenden Keime im Verhältnis zu Adonis stehen, dessen Tod bei diesen Festen betrauert wird: Ob sie Fruchtbarkeit symbolisieren oder von allen sozialen Zwängen befreite Sexualität oder ob sich die Frauen nur über die schnell erblühende und ebenso schnell dahinwelkende männliche Sexualität lustig machen. Die Grenzen von Kultus, Mythos und wissenschaftlichem Kommentar verschwimmen und lassen so die strukturelle Verwobenheit der verschiedenen Bereiche erkennen.
Flash-Dokumentation der Dia-Installation "Adonisgärtchen"
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Text der Untertitel ...>
Hintergrund

Mein Interesse für Gärten wurde durch die Lektüre von Dan Grahams Aufsatz »Garden as Theater as Museum« aus »Rock my Religion« geweckt. Beim Versuch, mir einen Überblick über die verschiedenen Epochen der Gartenkunst zu verschaffen, bin ich dann in Herbert Kellers »Kleiner Geschichte der Gartenkunst« über das Kapitel zur Antike nicht hinausgekommen, weil folgende Passage meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte:

»Beim Adonisfest wurden zum Gedenken an den Jünglingsgott zarte Keimlinge in Tontöpfen der Sonne ausgesetzt. Das schnelle Abwelken symbolisierte den frühen Tod des Adonis. Von diesem Kult ging eine Belebung der Topfkultur und der Anzucht von einjährigen Blumen aus.«

Mich faszinierte die Idee, dass in unseren Geranienkästen das Ahnentum dieser radikalen Form der Gärtnerei fortleben sollte und ich versuchte, Kellers Argumentationskette nachzuverfolgen. Allerdings lagen mir keine präzisen Quellenangaben vor, sondern nur eine pauschale Literaturliste. Bei meiner Anfrage an den Verlag von Herbert Keller stellte sich heraus, dass der Autor im selben Monat verstorben war. Doch meine Leidenschaft war entfacht und ich verbrachte den Großteil des Sommers in den Bibliotheken auf der Suche nach dem Missing Link*. Während der Recherche wurde mir dann zunehmend die strukturelle Verwobenheit der verschiedenen Bereiche von Wissenschaft und Mythologie bewusst, die auf der Ebene meiner Aufzeichnungen sichtbar wurde. Meine Arbeiten zu den Adonisgärtchen sind Versuche, diese Verwobenheit anhand der Bilder, die ich zu diesem Phänomen gefunden habe zu rekonstruieren.


* Keller bezieht sich auf Marie Luise Gotheins "Geschichte der Gartenkunst". Sie schreibt über die verschiedenen Ausprägungen der Adonisgärtchen:
"In Kultgebrauch und Kinderspiel aber dürfen wir die ersten Keime der Topfgärtnerei finden, sie lehrten allen denen, die der Gärten entbehren mussten und die ihre Häuser schmücken wollten, einen Ersatz in den Pflanzen der Topfscherben zu finden, und Theophrast bezeugt, dass man damals zu seiner Zeit auch schon Pflanzen zu anderen Zwecken in Töpfen zog."

Thoeophrast schreibt in der "Naturgeschichte der Gewächse" VI,7,3
"[...]. Das Abroton aber wächst vielmehr aus der Wurzel und durch Ausläufer als aus Samen. Schwieriger durch Ausläufer, wenn man sie auch vorher abgelegt hat. Aber in Scherben sät man sie im Sommer, wie in den Adonis-Gärten. [...]"

Er geht also bei seiner Beschreibung dieser Kulturtechnik davon aus, dass sie dem Leser aus einem anderen Zusammenhang - nämlich dem der Kultgärtchen - bekannt ist. Das deutet auf die Abfolge erst Kultgärtchen, dann Schmuckgärtchen hin.

Die nächsten Quellen weisen auf den Übergang von den Keimlingsbeeten in Tellern oder Scherben zu fest installierten Blumenkästen hin:

Philostratos schreibt in "Das Leben des Apollonios von Tyana", 7, 32:
"... Der Kaiser, der soeben der Athene ein Opfer dargebracht hatte befand sich mit einem grünen Kranz auf dem Kopfe im Hofe des Adonis. Dieser Hof prangte von Blumenkästen, wie sie die Asssyrier dem Adonis an seinem Feste in ihren Häusern anlegen und weihen."

In die gleiche Richtung gehen Argumentationen mit Inschriften über die "Adonaea" in der Forma Urbis Romae, einem marmornen Stadtplan des antiken Rom, bzw. der griechische Inschrift auf einem Grenzstein aus Larraqie-Laodicea in Syrien.

Untertitel

Königin Cenchreïs behauptet, dass das Haar ihrer Töchter schöner sei als das der Aphrodite. Diese fallen daraufhin bei der Göttin in Ungnade: Sie werden von ihr verdammt, sich mit Fremden zu vermählen. Dann sollen sie in die Verbannung gehen oder zu Stein verwandelt werden. Schließlich sterben sie in Ägypten. Eine von den Töchtern, Myrrha, wird von Aphrodite mit ruheloser Liebe zu ihrem Vater Cinyras gestraft. Myrrha gelingt es mit Hilfe ihrer Amme, sich unerkannt Einlass in das verdunkelte Schlafzimmer ihres betrunkenen Vaters zu verschaffen, während ihre Mutter keusch beim heiligen Fest der Getreideernte weilt. Myrrha wird von Cinyras in dieser Nacht schwanger. In den nächsten Nächten besucht sie ihn wieder, bis er seine unbekannte Geliebte sehen möchte und Licht bringen lässt. Als er seine Tochter erkennt, greift er zum Schwert und versucht, sie zu erschlagen. Myrrha flieht vor ihrem Vater. Sie betet zu den Göttern und fleht um eine gerechte Strafe. Sie möchte weder bei den Lebenden noch bei den Toten sein und bittet um Verwandlung. Aphrodite erhört ihr Bitten und verwandelt sie in eine Myrrhe. Aus dem Baum fließen heiße harzige Tränen. Durch den Spalt, den ein Eber in das Holz haut, gebiert die Myrrhe den Adonis.
Aphrodite nimmt Adonis auf und verfällt sogleich seiner Schönheit. Sie verbirgt ihn vor den Göttern in einer Kiste und bringt ihn zu Persephone in die Unterwelt. Doch auch Persephone verfällt Adonis und möchte ihn nicht mehr herausgeben. So muss der Richterspruch des Zeus über das Schicksal des Adonis entscheiden: Ein Drittel des Jahres soll Adonis für sich alleine sein, ein weiteres Drittel bei Persephone in der Unterwelt verbleiben und das letzte Drittel der Aphrodite gehören. Aphrodite verzaubert Adonis, so dass er auch sein Drittel mit ihr verbringt.
Gebannt von Adonis' Schönheit, kümmert sich Aphrodite nicht mehr um Himmel noch Erde. Sie begleitet ihn auf der Jagd. Sie hält ihn im Arm. Beim Abschied warnt sie ihn vor den gefährlichen Tieren des Waldes: «Sei tapfer gegen flüchtiges Wild; gegen Mutige Mut zu beweisen ist gefährlich.» Doch einer von Adonis' Hunden scheucht einen Eber aus seinem Versteck auf. Der Eber möchte fliehen, als ihm Adonis seinen Speer in die Seite schleudert. Das verletzte Tier stößt dem fliehenden Adonis seine Hauer in die Lenden. Aphrodite hört von Weitem Adonis' Stöhnen und eilt zu dem Sterbenden. Dort zerreißt sie ihre Kleider, rauft sich das Haar und schlägt sich an die Brust. Den toten Adonis bahrt sie auf einem Lager von Lattich auf. «Das Andenken meiner Trauer wird ewig währen, Adonis; und die festliche Begehung deines Todes wird alljährlich ein Abbild meiner Klage um dich sein. Dein Blut aber wird zur Blume werden.» Sie besprengt sein Blut mit duftendem Nektar. Davon berührt, quillt das Blut auf, wie sich im braunen Schlamm eine durchsichtige Luftblase erhebt. Nach einer Stunde entsprießt aus dem Blut eine Blume gleicher Farbe.

Die Gärten des Adonis finden in Platons Phaidros zum ersten Mal Erwähnung. Im Werk des Platon nimmt diese Schrift eine Sonderstellung ein. Die dichterische Weise, mit der Platon hier Eros und Redekunst verbindet, ließ Interpreten vermuten, dass es sich um das erste Jugendwerk Platons handele. Inzwischen gilt es als erwiesen, dass Platon den Phaidros dichtet, als er sich schon dem sechzigsten Lebensjahr nähert.
Am Anfang dieser Schrift steht eine Rede Lysias', die Phaidros dem Sokrates vorliest. Darin versucht der Redner, seinen Liebling für sich einzunehmen, indem er behauptet, ihn nicht zu lieben und dass es nur von Vorteil sein könne, dem Nicht-Liebenden zu willfahren. Sokrates verachtet Lysias' Rede, weil Lysias den göttlichen Eros nicht kennt. Sokrates ist lieblose Freundschaft zuwider, und so dichtet er dem Eros zum Ruhme: Lysias hat Recht, in der Liebe eine seelische Krankheit zu sehen, aber er weiß nicht, dass es ein göttliches Rasen, eine Mania, gibt. Diese Mania lässt den Liebenden an der göttlichen Weisheit teilhaben, indem er auf das Göttliche im Geliebten schaut.

Bei den Adonisgärtchen handelt es sich um Sämereien, die in zerbrechlichen Tongefäßen ausgebracht werden. Dafür werden Samen von Weizen, Gerste, Lattich und Fenchel in der Dunkelheit gewässert, so dass sie blasse Triebe ausbilden. Diese Tellersaaten stellen Frauen im antiken Athen zum Adonisfest auf ihre Hausdächer, wo sie mit Freundinnen und Nachbarinnen zu Ehren des Adonis eine Nacht lang tanzen, singen und spielen.
Das Adonisfest beginnt mit dem Frühaufgang des Hundssterns, des Sirius. Sein Erscheinen am 27. Juli, kurz vor Sonnenaufgang, zeigt jedes Jahr den Beginn der Hundstage an. Dann richtet der Sirius über die Pflanzen und die Menschen. Die Menschen werden vom Hitzschlag und vom Sonnenstich getroffen, während die Pflanzen und Kulturen von der Sideratio befallen werden. Die Siriasis findet ihre Opfer unter den Kleinkindern, den allerschwächsten menschlichen Sprösslingen, während die Sideratio mit Vorliebe die jungen Sträucher und jene Pflanzen trifft, deren Wurzeln noch nicht stark genug sind, um sich tief aus der Erde die unverzichtbare Feuchtigkeit zu holen. Die Menschen sind halb verdurstet und verdorrt, wie jene Unglücklichen, die, von Durst gepeinigt, doch sogleich von Wasserscheu befallen sind, weil sie angeblich von Hunden gebissen wurden, die in der Gluthitze dieser Jahreszeit toll geworden sind. Die Frauen sind in dieser Zeit am laszivsten und die Männer am schwächsten, denn Sirius versengt ihnen den Kopf und die Knie, und die Hitze dörrt ihnen die Haut aus. Von den Dächern von Athen schallt hemmungslos das Gelächter der Frauen über ausgelassene Obszönitäten, vermischt mit dem schwermütigen Klagegeheul um den toten Adonis. In lauter Trauer um ihren toten Gott, Symbol der mythischen Einheit von Naturverehrung und der von allen sozialen Zwängen befreiten Sexualität.

Die Art und Weise, wie die Adonia begangen wird, unterscheidet sich von Ort zu Ort. So müssen Frauen aus Byblos, die sich während der Trauerzeit weigern, ihren Kopf zu scheren, sich einen ganzen Tag lang Fremden hingeben, und den Erlös dem Heiligtum der Aphrodite darbringen. Während des Festes verdorren die wurzellosen Gärtchen auf den Dächern unter dem Einfluss eben jener Hitze, die auch ihr hastiges Wachstum begünstigt hatte. Die vertrockneten Überreste werden ins Wasser geworfen. Die Frauen von Alexandria tragen das Bildnis des toten Adonis in Trauerkleidung mit fliegendem Haar und entblößter Brust ans Meeresufer und übergeben es dort den Wellen.
Von diesem Kult ging eine Belebung der Topfkultur und der Anzucht von einjährigen Blumen aus. Adonisgärten bedeuten später bei den Römern und noch im Mittelalter artenreiche, mit einjährigen Blumen bepflanzte Gärtchen oder Gartenteile.

In Platons Phaidros führt die Kritik des Sokrates an der Rede des Lysias schließlich zur Diskussion über wahre Erkenntnis und ihre Ausdrucksmittel. Der Frage nach der Angemessenheit und Unangemessenheit der Schrift, wo ihr Gebrauch schön und wo er unschicklich ist.
Denn wer sie lernt, dem pflanzt sie durch die Vernachlässigung des Gedächtnisses Vergesslichkeit in die Seele, weil er im Vertrauen auf die Schrift von außen her durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus sich selbst die Erinnerung schöpft. Dies Bedenkliche haftet an der Schrift, und darin gleicht sie der Wahrheit der Malerei. Auch deren Werke stehen da wie lebendige, wenn du sie aber fragst, so schweigen sie stolz. Du könntest glauben, sie sprächen, als ob sie etwas verstünden, wenn du sie aber fragst, um das Gesagte zu begreifen, so zeigen sie immer nur ein und dasselbe an.
Also nicht ernsthaft sollte man seinen Verstand in schwarzem Wasser schreiben, ihn durch das Schreibrohr aussäend mit Reden, die unfähig sind, sich selbst durch das Wort zu helfen, unfähig, das Wahre zugänglich zu lehren. Sondern um des Spieles willen sollte man die Gärten der Schrift besäen und beschreiben, wenn man schreibt, und sich damit selbst einen Schatz von Erinnerungen sammeln für die Zeit, da man ins Alter des Vergessens gelangt, und auch für jeden, der derselben Spur folgt, und man wird seine Freude daran haben, wenn man ihr zartes Wachstum betrachtet. Schöner ist jedoch, wenn einer die geeignete Seele wählt und sie bepflanzt und besät mit Reden der Erkenntnis, die sich selber und dem Sämann zu helfen geschickt und nicht früchtelos sind, sondern Samen tragen, aus dem sie immer von neuem in andern Seelen keimend ihn für ewig unsterblich zu machen geeignet sind und seinen Träger so glücklich zu machen, als es einem Menschen nur möglich ist.

Den griechischen Männern gilt Adonis als Weichling, unreif, bar jeder Männlichkeit, mit einer Anhängerschaft von Frauen und Androgynen. Der junge Bursche mit dem üppigen Samen, frühreifer Liebhaber schöner Herrinnen, gilt ihnen als das Gegenbild der Ehe und der fruchtbaren sexuellen Vereinigung. Seine übermäßige sexuelle Potenz sei nur die Kehrseite eines Mangels an Reife, einer sexuellen Betätigung vor der rechten Zeit, die einhergeht mit steriler Aussaat. Denn er schleudere seinen rohen und unreifen Samen in Gärten aus Stein, wo er niemals so Wurzeln schlagen werde, dass er seine eigene Natur reproduzieren könne. Ihm sei es lediglich bestimmt, Trügerisches, Trugbilder und Falsches hervorzubringen, wie jene Bastarde oder zurückgewiesenen Neugeborenen, deren Aussetzungen in Töpfen an unbebauten Orten die Ähnlichkeit mit den Pflanzungen der Adonia verstärke.

Im Phaidros verwendet Sokrates die Gärten des Adonis als Sinnbild für das geschriebene Wort: Ein Landmann, der Verstand hat, wird der den Samen, um den er Sorge trägt und von dem er Früchte ernten möchte, ernstlich in der Sommerhitze in ein Adonisgärtchen säen und sich freuen, wenn er sieht, wie er in acht Tagen schön aufgegangen ist? Oder wird er dies nur als Spiel und um der Festtage willen tun, wenn er es einmal tut? Den Samen aber, mit dem es ihm ernst ist, wird er nach der Kunst des Landbaus aussäen, wohin es sich gehört, und froh sein, wenn das, was er säte, im achten Monat seine Bestimmung erfüllt.
Die Schrift erwecke nur den Anschein von Lebendigkeit, sei in Wahrheit aber steril. Das gesprochene Wort jedoch, das die Seele des Hörenden befruchte, so dass sie ihrerseits zeugende Samen ernten könne, entspreche hingegen dem Getreide, das der Bauer zur rechten Zeit säe und das nicht acht Tage, sondern acht Monate brauche, um zur Reife zu gelangen. So wie der ernsthafte Ackerbau behauptet, die Pflanzen zu erziehen, so sind die Pflanzungen des Adonis nur ein Spiel.